GABRIELE MARIA GALLINA UND BERNHARD RÜDIGER
Chockerlebnis oder Gag? Apokalyptische Ästhetik im Dialog mit Bernhard Rüdiger
In seinem jüngst erschienenen Band Horizon of Forms, The Living Languages of Contemporary Art [Rüdiger 2024], einer Neuerarbeitung von Essays aus den Jahren 2009 bis 2024, untersucht der Theoretiker und Bildhauer Bernhard Rüdiger die Auswirkungen traumatischer Ereignisse der jüngeren Geschichte, mit denen er in der eigenen künstlerischen Praxis konfrontiert war – etwa der Explosion von Tschernobyl im Jahr 1986, oder dem Einsturz der Zwillingstürme im Jahr 2001. Unter dem Einfluss Walter Benjamins und seiner Interpretation des Schockerlebnisses – oder Chokerlebnis, nach Benjamins Schreibweise, die sich auf die Poesie Charles Baudelaires beruft –, entwickelt Rüdiger eine neue Interpretation des prägenden Einflusses der Gewaltausbrüche unserer jüngsten Geschichte auf Sprache und Formen der zeitgenössischen Kunst. Dieser "Essay-Dialog" bzw. dieses "Essay-Interview" mit Bernhard Rüdiger hebt die besondere Zeitlichkeit des Präsens hervor, die die Sprache der Kunst in der Kondition der Gewalt oder eines "vorletzten Tages" zu entwickeln vermag. Diese apokalyptische Kondition wird anhand zweier seiner Kunstwerke und der entsprechenden Kapitel des genannten Buches kritisch beleuchtet. Im Mittelpunkt steht zunächst das Werk Trompete Nr. 7 (2002), das auf die Apokalypse des Johannes verweist und die ästhetische Betrachtung des Zuschauers durch einen akustischen Schock mit einer neuen Erfahrung der "Zeitlichkeit" konfrontiert. Weiterhin wird die Werkgruppe Nochmals verfehlt (Siebte Trompete) (2018-21) untersucht: spielunfähige Trompeten, die aus ungeratenen Elementen bestehen und somit das apokalyptische Motiv parodieren und auf die lebensbejahende Fähigkeit das Lachen und des Körpers verweisen. Die Verbindung dieser beiden scheinbar gegensätzlichen Momente von Schock und Komik verweist auf den vom Künstler erarbeiteten radikalen Widerstand gegen eine nicht auszuweichende, lineare Fortschrittsideologie der Geschichte. Ziel ist eine gemeinsame kritische Reflexion über die taktilen bzw. ethisch-politischen Dimensionen von Rüdigers Ästhetik, die einen neuen "Handlungsraum" der Kunst eröffnet.